
Münster. Prof. em. Dr. Christian Sigrist vom Institut für Soziologie der Universität Münster und Afghanistan-Experte informierte am Dienstag im Rahmen eines Themenabends der Partei DIE LINKE. Münster über die historische Entwicklung und aktuelle Lage Afghanistans.
Afghanistan, so Sigrist in seiner Einleitung, war seit Beginn der frühen Hochkulturen eine wichtige Brücke zwischen verschiedenen Regionen gewesen. Es war ein Kreuzungspunkt von Handelsstraßen und periodisch das Zentrum von Reichen, in denen die Stämme weitgehend autonom blieben.
Seit Gründung des afghanischen Reiches 1747 war das heutige Afghanistan nie dauerhaft einer fremden Macht unterworfen. Das liegt an den geografischen Besonderheiten (Größe des Landes, Wüsten und Hochgebirge), entscheidend aber an dem hohen Widerstandspotential der unterschiedlichen Ethnien, unter denen die Pashtunen sich besonders auszeichnen.
Die Briten scheiterten im 19 Jahrhundert mit ihren Koloniserungsversuchen und mussten 1919 Afghanistan die völlige völkerrechtliche Souveränität zurück geben. Ebenso scheiterte die sowjetische Intervention in den 80er Jahren. Der jetzigen Nato-Präsenz räumte Sigrist keine besseren Erfolgsaussichten ein. Vor allem weil Taleban und Al Qaida Zuflucht in den zu Pakistan gehörenden Stammesgebieten der Pashtunen gefunden haben und von dort ihre Offensiven gegen die Nato-Truppen starten. „Es ist an der Zeit einzusehen, dass diese militärische Präsenz die Verhältnisse in Afghanistan nicht stabilisieren kann, sondern dass sich die Lage der Zivilbevölkerung stetig verschlechtert“, fasste Sigrist zusammen.
Statt militärischer Einsätze seien regionale Alternativen unter Beachtung der unterschiedlichen Kulturen und Traditionen in diesem Land von den Afghanen selbst zu entwickeln. Diese sollten unterstützt werden: z.B. ökonomisch, um den Opiumanbau überflüssig zu machen, Ausbildung und Stipendien, besonders für Frauen und Mädchen, medizinische Hilfe, Anreize für afghanische Techniker, Ärtze und Intellektuelle im Ausland, wieder in ihr Land zurück zu kehren. Abrüstung, zivile Konfliktregelung und diplomatischesVerhandeln sollten den Umgang mit Afghanistan bestimmen.